[Review] Eine dunkle Begierde

C.G. Jung und Siegmund Freud – nicht unbedingt der Stoff für Hollywood-Verfilmungen, oder?
Mit „Eine dunkle Begierde“ beweist Regisseur David Cronenberg das Gegenteil. Mit Stars wie Michael Fassbender, Viggo Mortensen und Keira Knightley hat er sich prominente Besetzung ins Boot geholt, um die Freundschaft der beiden Psychologen auf die große Leinwand zu bringen.
Mit Erfolg? Teils, teils.
Die Geschichte liest sich spannend genug: Jung (Fassbender), ein junger Wissenschaftler, Leiter einer Anstalt, bewundert Sigmund Freud (Mortensen) und seinen Ansatz der Psychoanalyse. Als eine Patientin (Knightley) eingeliefert wird, versucht er Freuds Therapiemethoden und schafft es so den psychischen Zustand der jungen Frau wieder so weit herzustellen, dass sie sich in der Lage sieht selbst Medizin zu studieren. Einziges Problem: Sabina Spielrein ist eine Versuchung für den sonst so integren Jung. Er beginnt eine Affäre mit ihr, lässt sie aber fallen, als sie Gefahr laufen entdeckt zu werden. Seine eigene Familie ist ihm anscheinend wichtiger, der Verstand gewinnt. Selbst als Patientin lehnt Jung Sabina von nun an ab, was sie dazu bringt sich hilfesuchend an Freud zu wenden.
In der Zwischenzeit kommen Jung Zweifel an der Psychoanalyse. Ihm ist die Zentrierung auf die Sexualität doch etwas zu abstrus. Er wendet sich nicht völlig ab, stellt sie jedoch in Frage und versucht seine Zweifel mit Freud zu diskutieren, dem jede Diskussion gründlich gegen den Strich geht. Er hält an seiner Theorie fest – genauso, wie sie ist.

Der Film versucht sich selbst an psychologischer Tiefe, scheitert aber manchmal leider doch gerade daran. An Filmen gefällt mir immer sehr, wenn ich eine ‘persönliche’ Bindung zum Hauptcharakter aufbauen kann. C.G. Jung bietet sich dazu förmlich an, da er 1. der Protagonist ist und 2. einen inneren Zwist auszutragen hat. Leider fehlt ihm aber häufig die individuelle Tiefe, um eine Bindung möglich zu machen. Wobei das keineswegs an den schauspielerischen Qualitäten Fassbenders liegt.

Ja, der Zuschauer versteht den inneren Zwist des Protagonisten, der hin- und hergerissen ist zwischen seiner Integrität und seinem Verlangen. Ja, dieser innere Zwiestreit der beiden Seiten des C.G. Jung wird klar und scheint zumindest teilweise Freuds Theorien zu unterstützen, während der Wissenschaftler Jung diese immer mehr nur als eine von vielen Sichtweisen anerkennt. Trotzdem: die ein oder andere vertiefende Szene, die Emotionalität ermöglicht hätte, wäre durchaus schön gewesen. Die kommt allerdings erst zum Schluss, als Jung Sabina mit Tränen in den Augen seine Liebe gesteht. Und den Zuschauer mit der Frage zurücklässt, ob sexuelles Verlangen oder emotionale Liebe seine Beweggründe für die Affäre waren.

Aber gerade diese letzte Szene spiegelt die Intention dieses Films so gut wieder wie keine andere in den vorherigen 1 ½ Stunden. Der innere Zwiespalt ist nicht mehr nur oberflächlich angedeutet, sondern sowohl szenisch als auch schauspielerisch dargestellt. Jung ist ein gebrochener Mann, der seine Entscheidungen in Frage stellt. Der noch immer an seiner Kritik an der Psychoanalyse festhält. Der sich jedoch auch fragt, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er die Frau nicht hätte gehen lassen, die für ihn anfangs nur eine Affäre war. Liebe vs. Sexualität? Jung vs. Freud?

Die Schauspieler holen alles aus ihren Charakteren raus, was sie nur herausholen können. Mortensen ist ein überragender Freud, der gleichzeitig Mentor, Vater, Wissenschaftler und stringenter Verfechter seiner Theorie ist. Seine Darstellung des Psychoanalytikers macht Freud sympathisch und unsympathisch gleichzeitig. Bei mir hat nachher die negative Eindruck überwogen. Wahrscheinlich, weil mir am Ende der Charakter Jung doch wichtiger wurde und ich das beinahe obsessive Verhalten seines einstigen Vorbildes nicht gerade gesund oder gar sympathisch finde.
Fassbender kann wieder einmal mit seiner Ausstrahlung und seiner Fähigkeit punkten gequälte, innerlich zerrissene, verzweifelte Charaktere zu spielen. Seine Darstellung des jungen Wissenschaftlers, für den das Wohl seiner Patienten an erster Stelle steht und der in einer gesellschaftlichen Position gefangen ist, die ihm nicht so recht behagt, ist fesselnd. Besonders die letzte Szene hat mich tief beeindruckt und davon überzeugt, dass in diesem Film durchaus mehr drin gewesen wäre. Wenn man ihn doch nur gelassen hätte.
Am meisten beeindruckt hat mich allerdings Keira Knightley. Sonst bin ich nicht so ein großer Kneightley-Fan, weil sie mir meistens charakterlich zu flach über kommt. Doch in dieser Rolle ganz anders. Brilliant spielt sie die psychisch Kranke mit ihren Krämpfe, ihren Zuckungen und ihrem fast körperlich spürbaren Schuldgefühl.

Die Atmosphäre des Films ist beeindruckend, teilweise düster und beklemmend. Die Bildsprache ist gewaltig. Technisch gesehen sicherlich ein sehr schöner Film, der mich jedoch nicht in seinen Bann ziehen konnte.

[Bildquelle: Offizielle deutsche Filmseite, Universal Pictures International Germany GmbH]

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